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Viele Menschen stehen in Gruppen verbunden durch leuchtende Verbindungslinien; links unter einem Lichtkegel sprechen drei Personen miteinanderAktuelles · Bedrohungsmanagement

Fürsorge statt Verrat

Warum Bedrohungsmanagement die ganze Belegschaft braucht

Nach einem Vorfall höre ich fast immer denselben Satz: „Irgendwie hat man es kommen sehen.“ Viele hatten ein kleines Stück bemerkt, und niemand hat die Stücke zusammengesetzt. Ich nenne das Schwarmwissen.

Organisationen reagieren darauf meist mit Fachstellen, Konzepten und Fallkonferenzen. Das ist richtig, reicht aber nicht. Ich bin überzeugt: Sicherheit entsteht dort, wo Menschen sich getragen fühlen, einander kennen und eine Sorge aussprechen dürfen, ohne als Verräter zu gelten.

Der Schwarm weiß es zuerst

Die Forschung ist hier eindeutig. Das FBI hat 63 Täter in den USA untersucht. Im Schnitt fielen vier bis fünf Verhaltensweisen anderen auf, und eine der häufigsten Reaktionen war, nichts zu tun (Silver, Simons & Craun, 2018). Bei geplanten Gewalttaten an US-Schulen wusste in 81 Prozent der Fälle vorher jemand davon (Pollack, Modzeleski & Rooney, 2008).

Für Deutschland gibt es eine Auswertung von elf Fällen schwerer Gewalt an Schulen. In allen elf Fällen fiel das Verhalten mindestens einer Stelle an der Schule auf. Meist wurde es verharmlost, und nur in zwei Fällen wurde angemessen reagiert. Die Autoren beschreiben, dass Beobachtungen innerhalb der Schule bruchstückhaft blieben (Fiedler et al., 2020).

Die Sozialpsychologie untersucht diesen Mechanismus unter dem Namen „Hidden Profile“. Gruppen reden vor allem über das, was ohnehin alle wissen, und das Wissen Einzelner bleibt ungenannt. Solche Gruppen finden die richtige Lösung achtmal seltener als Gruppen mit vollem Wissen (Lu, Yuan & McLeod, 2012).

Warum Fachleute allein nicht reichen

Eine Fachstelle kann nur bearbeiten, was bei ihr ankommt. Vier Fälle aus den letzten Jahren zeigen, wo es hakt.

In Brokstedt tötete 2023 ein Mann zwei Menschen in einem Zug. In der Untersuchungshaft hatte er sich gegenüber Bediensteten mit einem Attentäter verglichen. Die Äußerung wurde notiert, aber nicht an die Aufsicht gemeldet. In Hamburg wurde 2023 der anonyme Brief eines besorgten Bruders wie ein beliebiger anonymer Hinweis behandelt. Der Täter von Magdeburg war 2024 mehr als 110-mal bei Sicherheitsbehörden aktenkundig, und der Untersuchungsausschuss stellte Fehler beim Austausch zwischen den Behörden fest.

In Stade erschoss im Juni 2026 ein Vater sechs Beschäftigte von Jugendhilfe und Jugendamt während eines Hilfeplangesprächs. Der Mann war der Polizei wegen Bedrohungen bekannt. Ob dieses Wissen die Fachkräfte am Tisch erreicht hat, ist noch nicht geklärt. Diese Frage sollte sich jede Organisation stellen, bevor etwas passiert.

Dasselbe Muster gibt es in Kliniken. Bei Tötungsserien in Krankenhäusern und Heimen wird ein Verdacht häufig nicht gemeldet, aus Furcht vor persönlichen Nachteilen oder aus Sorge um den Ruf des Hauses (Dettmeyer et al., 2023).

Ein ehrlicher Einwand

„Man hat es kommen sehen“ sagt sich im Nachhinein leicht. Wer den Ausgang kennt, hält ihn für vorhersehbarer, als er war. Die Psychologie nennt das Rückschaufehler (Roese & Vohs, 2012). Warnsignale sind häufig, schwere Taten sind selten. Die meisten Menschen, die auffallen, werden niemals gewalttätig.

Daraus folgt eine klare Arbeitsteilung. Die Belegschaft liefert Beobachtungen, keine Vorhersagen. Die Einordnung bleibt Aufgabe der Fachstelle.

Was Menschen trägt

Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit (Allen et al., 2022). Die Extremismusforschung zeigt, was geschieht, wenn es verletzt wird: Der Verlust an persönlicher Bedeutung ist ein zentraler Antrieb für Radikalisierung (Kruglanski et al., 2014). Im Betrieb gilt Ähnliches. Erlebte Ungerechtigkeit gehört zu den wichtigsten Vorboten von Aggression am Arbeitsplatz (Hershcovis et al., 2007).

Wertschätzung und sinnvolle Arbeit sind deshalb Sicherheitsfaktoren. Sie senken das Risiko, bevor eine Fachstelle überhaupt gefragt ist.

Wie es aussieht, wenn dieses Vertrauen fehlt, erlebe ich in der Beratung. Vor einiger Zeit saß ein Beamter aus dem Sicherheitsbereich bei mir. Er schlief schlecht und stand zunehmend unter Anspannung. Eine Ärztin hatte ihm eine Psychotherapie empfohlen. Zu mir kam er, weil er einen Eintrag in seiner Gesundheitsakte fürchtete, der ihm später bei der Karriere im Weg stehen könnte. Die Forschung kennt das: Polizeibeamte überschätzen die Ablehnung durch Kollegen und suchen deshalb seltener Hilfe (Karaffa & Koch, 2016).

Wer schon Hilfe für sich selbst lieber heimlich sucht, wird kaum eine Sorge über einen Kollegen ansprechen.

Ein gutes Miteinander macht Auffälligkeiten sichtbar

Ein Warnsignal ist eine Veränderung. Erkennen kann sie nur, wer den Menschen kennt. Die Luftfahrt weiß das seit Jahrzehnten. In einer NASA-Studie schnitten müde Besatzungen, die gerade mehrere Tage zusammen geflogen waren, besser ab als ausgeruhte Besatzungen, die sich nicht kannten (Foushee et al., 1986). Neuere Übersichten bestätigen das für Routineaufgaben, etwa bei Operationsteams (Muskat et al., 2022).

Die Forschung zu besonders zuverlässigen Organisationen spricht von gemeinsamer Achtsamkeit. Gemeint ist die Fähigkeit, Signale zu bemerken und richtig zu deuten (Sutcliffe, Vogus & Dane, 2016). Dazu kommt: Teams teilen mehr von ihrem Einzelwissen, wenn sie gut zusammenarbeiten (Mesmer-Magnus & DeChurch, 2009).

Ich bilde seit 2011 in der Luftsicherheit aus. Sicherheitskultur ist dort Schulungsinhalt für alle, die am Flughafen und in den sicheren Lieferketten arbeiten, nicht nur für das Sicherheitspersonal. Der Grund ist einfach: Sicherheit hängt am Lagerarbeiter genauso wie an der Kontrollkraft.

Fürsorge statt Verrat

Nähe hat eine Kehrseite. Ob jemand ein Fehlverhalten intern meldet, hängt von der Führungskraft und von den Kollegen gemeinsam ab. Gebremst wird es durch die Angst vor Vergeltung und durch das Gefühl, dass es ohnehin nichts bringt (Mayer et al., 2013). Unter Jugendlichen gibt es dafür eine eigene Norm, das Schweigegebot. Schüler unterscheiden genau zwischen „Verpetzen“ und „Melden“, und zwar danach, wie ernst die Sache ist und ob Erwachsene voraussichtlich sinnvoll reagieren (Espelage et al., 2022).

In Deutschland wiegt diese Sorge besonders schwer. 1989 führte die Stasi rund 189.000 inoffizielle Mitarbeiter, einen auf 89 Einwohner. Wer im Seminar den Einwand „Stasi 2.0“ wegwischt, hat die Gruppe verloren. Man muss ihn ernst nehmen und zeigen, wo der Unterschied liegt.

  1. Das Ziel. Die Stasi sammelte, um zu kontrollieren. Hier soll jemand Hilfe bekommen, bevor etwas passiert.
  2. Der Gegenstand. Dort ging es um Meinungen und Privatleben. Hier geht es nur um Verhalten, das Sorgen macht.
  3. Der Weg. Der Spitzel berichtete heimlich. Hier steht am Anfang das offene Gespräch: „Ich mache mir Sorgen um dich.“
  4. Die Folge. Dort entstand eine Akte, von der der Betroffene nichts wusste. Hier wird er gehört und bekommt ein Angebot.
  5. Die Freiwilligkeit. Niemand wird verpflichtet oder belohnt.

Ansprechen heißt: Du bist uns wichtig

Wer einen Kollegen anspricht, gibt ihm mehr als einen Hinweis. Er zeigt ihm, dass er gesehen wird. Die Psychologie nennt dieses Gefühl „Mattering“: die Erfahrung, für andere Menschen bedeutsam und wertvoll zu sein (Flett, 2022). Genau dieses Gefühl fehlt vielen Menschen, die in eine Krise geraten.

Die meisten zögern trotzdem, weil sie fürchten, das Falsche zu sagen. Diese Sorge ist messbar übertrieben. In mehreren Experimenten empfanden die Angesprochenen die Unterstützung als wärmer und weniger peinlich, als die Ansprechenden erwartet hatten. Wer anspricht, achtet darauf, ob er es gut genug macht. Wer angesprochen wird, spürt vor allem die Zuwendung (Dungan, Munguia Gomez & Epley, 2022). Eine zweite Studienreihe zeigt, dass Menschen durchweg unterschätzen, wie sehr sich andere über eine Kontaktaufnahme freuen. Am stärksten gilt das, wenn sie unerwartet kommt (Liu et al., 2023).

Für Organisationen ist das mehr als Freundlichkeit. Beschäftigte bilden sich ein Urteil darüber, ob ihr Arbeitgeber ihren Beitrag schätzt und sich um ihr Wohlergehen kümmert. Eine Auswertung von 558 Studien zeigt, dass dieses Urteil eng mit Bindung, Zufriedenheit und geringerer Belastung zusammenhängt. Am stärksten prägt es die direkte Führungskraft (Kurtessis et al., 2017).

Ein Gespräch aus Sorge ist deshalb das Gegenteil von Verrat. Es sagt dem anderen: Du bist uns nicht egal.

Hilfe statt Strafe

Dass das keine schönen Worte sind, zeigt eine kontrollierte Studie an 40 Schulen. Wo es ein Bedrohungsmanagement gab, bekamen Schüler nach einer Drohung rund viermal so häufig Beratung und deutlich seltener einen langen Schulausschluss (Cornell, Allen & Fan, 2012). Ein Hinweis löste dort also Unterstützung aus.

Auch die Angst, mit dem Ansprechen etwas schlimmer zu machen, ist unbegründet. Eine Übersicht über 13 Studien fand keinen Beleg dafür, dass die Frage nach Suizidgedanken diese verstärkt (Dazzi et al., 2014).

Ein Vergleich hilft den meisten Menschen sofort: Wer den Notruf wählt, weil ein Kollege zusammenbricht, verpetzt niemanden.

Was Organisationen tun können

  • Alle schulen, nicht nur die Fachstelle. Eine kurze Grundschulung für die ganze Belegschaft bringt mehr Augen und mehr Vertrauen.
  • Führungskräfte in die Pflicht nehmen. Beschäftigte sprechen eher, wenn sie ihre Führungskraft als offen erleben (Detert & Burris, 2007). Wer sich sicher fühlt, teilt mehr Informationen (Frazier et al., 2017; Edmondson & Bransby, 2023).
  • Fair mit Hinweisen umgehen. Beschäftigte melden eher, wenn Führungskraft und Kollegen erkennbar anständig handeln (Mayer et al., 2013). Die Luftfahrt hat dieses Prinzip als Redlichkeitskultur sogar gesetzlich verankert (Verordnung (EU) Nr. 376/2014).
  • Rückmeldung geben. Sichtbare Rückmeldung fördert künftiges Melden (Benn et al., 2009).
  • Grenzen schriftlich festhalten. Politische Ansichten, Lebensstil, Krankheiten und Gerüchte gehören nicht in einen Hinweis.

Fazit

Eine gute Fachstelle ist wie eine gute Feuerwehr. Sie hilft nur, wenn jemand sie ruft. Ob jemand ruft, entscheidet die Kultur: ob Menschen sich zugehörig fühlen, einander kennen und Ansprechen als Fürsorge verstehen.

Kai Siebert – Sicherheitspsychologie in Organisationen

Quellen

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